Endlich volljährig
Was seht ihr auf dem Foto? Meinen neuen „fahrbaren Untersatz“. Ein verkappter Rollator ist das! Den ich dazu überhaupt noch nicht brauche – aber dem Spike scheint er zu gefallen. Was habt ihr zu eurem 18. Geburtstag bekommen? Doch keinen Buggy! Außer ihr seid gerade schwanger gewesen. Also ein Ferrari hätte es ja nicht sein müssen. Die Leinenträger sagen immer, in so ein Auto kommt man nur mit dem Schuhlöffel rein und raus gar nicht mehr. Und der Tuner hat sich geweigert einen Badewannenlift einzubauen. Aber so ein kleiner SUV von Skoda aus meiner Heimat – in Tschechien bin ich nämlich geboren – wäre schon was gewesen. Dann hätte ich meine ganze Verwandtschaft, angefangen mit meinen 38 Kindern über alle Enkel und Ur- und sonstigen Enkel, einpacken können und wir hätten einen coolen Ausflug gemacht.
So habe ich aber jetzt einen Buggy. Na ja, immerhin ferrarirot ist er.
Aber es wird sowieso immer schwieriger die Leinenträger zu erziehen. Haben sie doch glatt meinen Geburtstagsteller vergessen. Obwohl ich mich einmal im Kreis gedreht und dann mir ganz heftig die Lippen geleckt habe. Aber die verstehen ja auch nicht einmal die einfachsten Kommandos. Zweimal anstupsen und dann Lippen lecken heißt einfach: Heute die doppelte Portion. Aber der Napf ist wie immer halb leer.
Na gut, dafür hatte ich ja das Treffen mit meinen Freunden. Das war schon echt aufregend. Kamen doch wirklich 14 meiner Freunde und Freundinnen samt ihren 27 Leinenträgerinnen und Leinenträger zu meiner Fete. Und was die alles mitgebracht haben! Am Abend war der ganze Tisch voll Leckereien. Ganz tollen Dank dafür. Ich werde sie mit meinen Kumpels Lucy und Spike teilen.
Ein bisschen komisch ist es schon, wenn man mit so einer Geburtstagskrone durch die Gegend läuft. Aber so haben auch die Anderen gewusst, wer das Geburtstagskind ist und eine Gruppe junger Leinenträger hat mir sogar ein Geburtstagsständchen gesungen.
Als die ganze Meute dann da war, ging es in das „Freiland Museum“. Au fein, dachte ich, Freiland heißt bestimmt, dass wir alle frei herumlaufen dürfen. Aber damit war es leider nichts, denn da auch Hasen und Hühner frei herumliefen, mussten wir brav neben unseren Leinenträgern herbeaglen.
Ein bisschen habe ich mich dann schon gewundert, denn eigentlich dachte ich, wäre es meine Party. Aber ich hatte das Gefühl, die Leinenträger schauen sich nach einem neuen Haus um. Für meinen Geschmack waren die mir aber viel zu alt. Und eine Leinenträgerin hat auch die Vorzüge dieser Häuser angepriesen. Zum Beispiel einen großen Misthaufen, weil der angeblich anzeigt, dass man viele Tiere besitzt und reich ist. Immerhin sind wir ja zuhause zu dritt, aber unsere Leinenträger haben noch keinen Misthaufen angelegt. Vielleicht sind sie ja auch nicht reich.
Für mich käme vielleicht das Landhaus Modell „Back to the roots“ hier in Frage.
Wir sind dann weitergezogen und die Leinenträger haben sich noch einige andere Häuser angeschaut, haben sich aber keins einpacken lassen. Denn die Leinenträgerin, die immer voraus gelaufen ist, hat erzählt, dass das mit den Häusern schon mal passiert ist. Die wurden ganz wo anders Stein für Stein auseinander genommen, verpackt, hierher gefahren und hier wieder zusammengebaut.
Zum Glück kamen wir zwischendrin mal an einer Wasserstelle vorbei und konnten uns erfrischen. Beim nächsten Haus standen lauter große Steine vor der Tür und die Leinenträgerin hat was von einer Mühle erzählt, die leider im Augenblick nicht funktioniert. Kein Wunder bei dem Alter.
Dann ging es zur großen Pause. Wir wurden wie immer mit einem Napf Wasser, der schon extra für uns hingestellt war, – haha – „abgespeist“, während von den Tischen der Leinenträger die herrlichsten Gerüche von Schäufele und anderen Köstlichkeiten uns um die Nasen zogen. Na gut, den einen oder anderen Leckerbissen haben wir dann doch abbekommen.
Schön war es auch, dass wir ein Familienfoto gemacht haben. Mein Sohn Quentino, mein Urenkel Eddi und meine Urenkelin Ivy und ich haben uns von unseren besten Seiten gezeigt – oder?
Nach einer Verdauungsrunde für die Leinenträger – wir haben ja schließlich so gut wie nichts bekommen – gab es noch Kaffee auch nur für die Leinenträger.
Meine Freunde und ich waren der Meinung, das war ein richtig gechillter Geburtstag – bis auf den Ferrari. Und auch die Leinenträger haben sich sehr entspannt von einander verabschiedet.
Schön, dass ihr alle da ward.
Eure Belinda
Autorin: Belinda Nyphaea Alba
Übersetzung: Michael Buschbacher
Fotos: Klaus Behlert, Jörg Gauf, Uli Specht, Waltraut und Michael Buschbacher